Heimatverein Ottmarsbocholt e.V.

Das Backhues

In der Vorstandssitzung am 21.05.2004, kam die Frage auf, ob sich zur Steigerung der Attraktivität möglicherweise ein Backhaus nach historischem Vorbild als Ergänzung zum Spieker realisieren ließe. Eine solche Einrichtung, so das Protokoll, wäre ein hervorragender, attraktiver Kommunikationsplatz innerhalb des Dorfes, besonders für die Frauen. Am 14.10.04 waren Vorstand und Beirat im Spieker zu Ottmarsbocholt versammelt. Die Idee "Backhaus" wurde dem Beirat vorgestellt.
Der Schriftführer erhielt den Auftrag, der Gemeinde Senden die Idee "Backhaus" schriftlich zu unterbreiten und auch gleichzeitig ein Nutzungskonzept vorzustellen.
Als Besprechungs- und Planungsgrundlage sollte der Gemeinde Senden ein Entwurf auf der Grundlage einer Backhausbesichtigung in Marienfeld bei Gütersloh vorgelegt werden, denn alle Bemühungen, ein altes Backhaus zu finden und zu erstehen, waren ohne Erfolg gewesen. Der Kompromiss war, aus alten Materialien ein Backhaus zu bauen
Die Gemeinde erklärte sich bereit, das Grundstück auf dem Hörster Platz zur Verfügung zu stellen die Abklärung mit dem Denkmalsamt vorzunehmen die Baugenehmigung zu erwirken die Restkosten zu übernehmen.
Der Heimatverein erklärte sich bereit, einen Betrag von 4.000 € sowie die Eigenleistung zur Errichtung des Backhauses zu erbringen. Der Bezirksausschuß erklärte seine Zustimmung am 01.03.05. Bernhard Hutters hatte inzwischen mit Herrn Beckmann aus der Oberbauerschaft verhandelt.
Herr Beckmann stiftete aus einem Stallabriss alte Eichenbalken und Steine, die in einem wirren Haufen auf dem Hofe lagerten. Diese Materialen waren mit Sicherheit alle über 100 Jahre alt.
Am 19.02.05 wurden diese Materialien sowie einige Sparren in einer Vorstandsaktion geborgen, verladen und zum Hofe Hutters gebracht. Hier wurden sie entnagelt und gereinigt. Ein Großteil der Materialien zur Errichtung des Gebäudes war somit schon kostenlos beschafft worden.
Das Herzstück eines Backhauses ist natürlich der Backofen. Das war zunächst ein Problem. Wo war ein alter, funktionsfähiger Backofen zu bekommen? In dieser Frage tat sich zunächst nichts.
Aber wie so oft im Leben, geschah etwas Unerwartetes. Vereinsmitglied Johannes Becker gab den entscheidenden Tip: Norbert Reher aus der Venne, Besitzer eines alten Backofens, hätte vor, diesen abzureißen.
Norbert war sofort bereit, dem Heimatverein den Ofen zu überlassen. Auf die Frage, was der Heimatverein denn dafür zahlen müsse, antwortete Norbert auf platt: "För den Heimatverein giev ick den Backouwen gähn av. I glaiwt garnich wat ick mi frai, dat usen ollen Ouwen bi ju son` schön Ährenplatz krig un wie in Deensten kümpt!"
Folgend wurde der Mantel des Backofens bei Reher abgebrochen, der Ofen selbst Stein für Stein numeriert, fotografiert, abgebaut und bei Hutters zwischengelagert.
Die schadhafte Ofentür wurde durch Heinrich Volle und Stefan Frie repariert. Damit war das Ofenproblem gelöst. Anfang Juli 2005 teilte die Gemeinde Senden mit, dass die Baugenehmigung vorliege.
Und jetzt schlug die große Stunde des Vorsitzenden Bernhard Hutters. Er plante und organisierte unermüdlich, so dass am Dienstag, den 26.07.2005 der erste Spatenstich erfolgte. Unter der Leitung von Walter Feldmann waren zwei Wochen später Fundament und Platte gegossen.
Einem Profi, Willi Gnegel, war es zu verdanken, dass das Ständerwerk in ein paar Tagen aufgestellt und das Dach gerichtet werden konnte. Die Fa. Wermter stiftete die Dachplane und bespannte ehrenamtlich die Sparren. Damit war das Ständerwerk „unter Dach“ und Regen konnte ihm und den Handwerkern nichts mehr anhaben.
Nun kamen die nächsten Künstler, nämlich die Maurer Helmut Dubbert, Willi Hutters, Helmut Roberg und Heinrich Reikert, die die Gefache ausmauerten und mit dem Innenmauerwerk begannen.
Alles klappte so hervorragend -das lag natürlich auch an den Handlangern-, dass der Heimatverein am Freitag, den 09. September 2005, 17.00 Uhr, am festlich geschmückten Backhaus das Richtfest feiern konnte. Die Richtfestrede im Original von 1896 zur Errichtung eines Bäckereigebäudes hielt Stefan Frie in Vertretung des Zimmermanns Willi Gnegel.
In schöner Harmonie wurde bis in die Nacht gefeiert.
Nach dem Richtfest ging es zügig weiter. Die Innenmauern wurden fertiggestellt und Helmut Dubbert avancierte zum derzeit einzigen Holzbackofenbaumeister in Ottmarsbocholt. Außenmauerwerk und Kamin waren dann wieder eine Gemeinschaftsleistung der beiden Helmuts, Dubbert und Roberg. Siegfried Beermann von der Horst, amtierender Schützenkönig der Johannesbrüder, hatte mit der Dachrenovierung seines Anbaues so lange gewartet, bis seine alten Hohlpfannen am Backhaus wieder aufgehängt werden konnten. Die gesamten Dacharbeiten übernahm wieder die Fa. Michael Wermter in ehrenamtlicher Arbeit. Dafür an dieser Stelle nochmals herzlichen Dank.
Ein Sendener Bürger, Heinz Pohlmann, war von der Arbeit des Heimatvereines so begeistert, daß er sich aktiv einbrachte. Er erledigte ehrenamtlich Klempner- und Installationsarbeiten. Auch dafür herzlichen Dank. Fensterbankabdeckungen und andere Kupferarbeiten steuerte Franz-Josef Hutters bei.
Nach dem Einsetzen der Fenster durch die Fa. Heinrich Bülskemper war die Baustelle Ende November winterfest und die Arbeit ruhte bis Ende März 2006.
Weiter ging es bei offenem Wetter im Frühjahr. Fertigen und Einsetzen der Haustür durch die Fa. Heinr. Möllers, Innenputz und Fugarbeiten durch Helmut Roberg, Elektroarbeiten durch Hubert Halsbenning, Baggerarbeiten durch Bernhard Rolf, die Erstellung der Pergola durch Willi Gnegel, Pflasterarbeiten unter Anleitung von Josef Schemmer, Geländeplanierung, Neueinsaat der Rasenflächen und das Anlegen der Rosenbeete schlossen die Außenarbeiten ab. Mittlerweile zeigte der Kalender Anfang Juni. Es wurde höchste Zeit, den Backofen auf seine Tauglichkeit zu testen und ein Probebacken zu veranstalten.
Am Donnerstag, den 22. Juni 2006 war es soweit!
Bäcker Paul Laukemper, 89 Jahre alt, hatte sein Handwerk einst am Holzbackofen erlernt. Sein größter Wunsch war es, noch einmal am alten Backofen stehen zu dürfen.
Er und Karl-Heinz Westphal schoben die ersten zwanzig Teige in den vorgeheizten Backofen. Ein herrlicher Duft breitete sich um das Backhaus aus. Knapp eine Stunde später zogen die beiden Bäcker zwanzig goldgelbe, knusprige Stuten ans Licht des Tages. Der Backversuch war hervorragend gelungen.
Nachmittags wurde das Brot unter Teilnahme des Bürgermeisters, der Presse und Radio Kiepenkerl der Gemeinde zum Probieren angeboten. Ãœber fünfzig Leute waren dazu zum Backhaus und Spieker gekommen.
Mit diesem Tage konnten die eigentlichen Bauarbeiten als abgeschlossen angesehen werden.
Etwa 3000 Stunden ehrenamtliche Arbeit waren nötig, um die "Idee Backhaus" in ein fertiges und funktionstüchtiges Backhaus nach altem Vorbild umzusetzen. Am Samstag dem 12. August 2006 wurde das Backhaus mit einem großen Fest eingeweiht. Pfarrer em. Norbert Ramers segnete das Backhaus ein, danach wurde mit vielen Vereinen und Freunden unter der Mitwirkung des Musikvereins Senden und des Spielmannszuges „1948“ Ottmarsbocholt bis spät in den Abend kräftig gefeiert. Mit besonderer Freude wurde zu diesem Fest auch der Heimatverein aus der Partnerstadt Jessen - Schweinitz begrüßt.
Bereits am Tage der Einweihung meldeten sich die ersten Nutzer des Backhauses an, darunter auch zwei Klassen der Davertschule Ottmarsbocholt.
Es ist Abzusehen, dass das Backhaus den Zweck erfüllt, der ihm von Anfang an zugedacht wurde.