Heimatverein Ottmarsbocholt e.V.
Ich , die Eiche!

Ich, die Eiche

Ich bin im Jahre 1860 aus der Frucht meiner Mutter, einer Eichel, erwachsen. Ich kann mich heute nicht mehr erinnern, ob etwa ein Eichhörnchen die Eichel an meinem Standort vergraben hat oder ob ich als junges Bäumchen dort angepflanzt wurde oder ob meine Mutter mich einfach als Eichel dort hat fallen lassen. Wie dem auch sei, ich hatte hinter dem Hofe Röttgermann an dem kleinen Kolk neben der Scheune einen idealen Platz zum Wachsen. Der Kolk wurde nie ganz trocken, so hatte ich auch in trockenen Sommern immer genug Wasser. Neben mir wuchsen noch mehrere junge Eichen heran, wir wurden gehegt und gepflegt. Schließlich lieferten wir, als wir erwachsen wurden, jede Menge Eicheln mit denen unser Besitzer seine Schweine mästete. Das zeichnete dann den leckeren „Westfälischen Schinken“ aus. Irgendwann vor etwa 100 Jahren baute unser Besitzer, dort wo sie heute noch steht, eine neue Scheune und die Eichen neben mir mussten deshalb weichen. Ich hatte das Glück, dem Neubau nicht im Wege zu stehen und durfte weiterwachsen. So wurde ich größer und größer, zuletzt war ich doppelt so hoch wie die Scheune. Meine Krone war so groß, dass sie sich über das Dach ausbreitete. Als 100jährige stand ich in der Blüte meiner Zeit und leistete kraftvoll meine ökologische Arbeit. Mit meinen ca. 150 000 Blättern, das sind meine biologischen Solarzellen, die nebeneinander gelegt etwa 1300² Fläche bedeckten, verarbeitete ich jährlich etwa 5000 kg Kohlendioxyd aus der Luft zu organischen Substanzen wie Holz, Blätter und Rinde. Dabei produzierte ich gleichzeitig etwa 4 500 kg Sauerstoff, mit dem elf Menschen ein Jahr lang leben konnten. Um das alles bewältigen zu können, saugten meine Wurzeln bis zu 50000 Liter Wasser aus dem Boden und lieferten es an meine Blätter. Die verdunsteten das Wasser und sorgten so für entsprechende Luftfeuchtigkeit und gesundes Klima. Außerdem filterten meine Blätter jährlich noch ca. 1000 kg Staub und Schadstoffe aus der Luft. Bei all der Arbeit wurde ich 147 Jahre alt. Am 18. und 19. Januar 2007 hatte ich nicht mehr die Kraft, mich gegen den Orkan Kyrill zu wehren. Meine Krone war mittlerweile so ausladend, dass sie dem Sturm nicht standhalten konnte. Sie brach auseinander, fiel teilweise auf das Dach der Scheune und beschädigte es. Mein Besitzer entschied sich, mich zu fällen und meinen Stamm, der nun einen Umfang von 408 cm hatte zu verkaufen. Ich werde vermutlich demnächst als elegantes Möbelstück in irgendeinem Wohnzimmer zu bewundern sein. Dort, wo ich stand, ist bereits eine neue Eiche gepflanzt worden. Wird sie auch 147 alt? Wie wird die Welt dann aussehen? Was sich in der Zeit meines Lebens zugetragen hat, ist zu einem kleinen Teil als Chronik auf einer Scheibe meines Stammes festgehalten. Es war eine Zeit der Kriege, der Katastrophen, der Forschung und der Erfindungen in allen Bereichen der Medizin und der Technik,, eine Veränderung der Gesellschaft, ein Aufbruch der Menschen in andere Länder und in eine neue Zeit. Meine letzten Jahre standen im Zeichen der "Globalisierung". Alle diese Ereignisse und Erfindungen die ich erlebte, haben das Leben der Menschen, so wie sie heute leben, erst möglich gemacht. Man sollte sich erinnern an die Ereignisse in meinem Leben. Eure Eiche!

Lese was ich alles erlebt habe!